Die Risikoanalyse
Lernziel: Zweck und Vorgehen einer Risikoanalyse erklären, sie am eigenen Betrieb durchführen können und wissen, was sie nicht leisten soll.
Was leistet eine Risikoanalyse?
Sie beschreibt die sportart- und organisationsspezifischen Bedingungen, die die Ausübung von Gewalt begünstigen könnten. Das Stufenmodell führt sie als eigene Stufe und weist ihr eine zentrale Rolle zu: Sie ist Voraussetzung für die Entwicklung anderer Maßnahmen, insbesondere der .1
Der Grund ist einfach. Übergriffe brauchen Gelegenheit, und Gelegenheiten entstehen in Strukturen — in Räumen ohne Einsicht, in Situationen ohne Aufsicht, in Rollen ohne Kontrolle. Wer diese Strukturen kennt, kann sie ändern. Wer sie nicht kennt, schreibt allgemeine Regeln, die am eigenen Betrieb vorbeigehen.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Eine Risikoanalyse fragt nicht, wem man misstraut. Sie fragt, wo in diesem Verein jemand mit einem Kind allein wäre, ohne dass es jemandem auffällt. Das ist keine Unterstellung, sondern eine Bestandsaufnahme — und genau deshalb lässt sie sich ohne Misstrauensklima durchführen.
Wie geht man vor?
Vier Felder decken den Betrieb ab. Für jedes genügen wenige Leitfragen.
Räume. Wo gibt es Bereiche ohne Einsicht — Umkleiden, Duschen, Geräteräume, Materiallager, Kabinengänge? Wer hat Zugang, wer hat Schlüssel? Wo ist es abends dunkel und leer?
Situationen. Wann entsteht Zweisamkeit? Einzeltraining, Fahrten, Übernachtungen, Physiotherapie, Wiegen, Hilfestellung, das Warten auf abholende Eltern. Und: Welche Situationen wiederholen sich regelmäßig, ohne dass jemand hinsieht?
Rollen. Wer entscheidet über Aufstellung, Nominierung, Förderung? Wo fallen Rollen zusammen, die getrennt gehören — trainieren und nominieren, betreuen und fahren, leiten und kontrollieren? Wer ist praktisch unersetzlich?
Beziehungsstrukturen. Wo bestehen besonders enge Abhängigkeiten? Gibt es Gruppen mit hohem Erfolgsdruck, Internatsbezug oder starker Bindung an eine einzelne Person? Wie ist der Umgang untereinander — gibt es Rituale, Spitznamen, en als Spaß?
Praktisch bewährt hat sich ein Rundgang durch die eigene Anlage mit diesen Fragen im Kopf. Was am Schreibtisch abstrakt bleibt, wird vor Ort in zwanzig Minuten konkret.
Wer wird beteiligt?
Eine Risikoanalyse, die der Vorstand allein erstellt, übersieht regelmäßig das Wesentliche — weil die Leitungsebene die Perspektive der Betroffenen nicht hat.
Aktive wissen am besten, wo es unangenehm wird: welche Kabine man meidet, welche Fahrt man nicht mag, wo man ungern allein bleibt. Die Beteiligung von Sportler*innen ist in den ohnehin vorgesehen.2
Trainerinnen und Übungsleiter kennen die Situationen, in denen sie selbst unsicher sind — und die eigenen Grauzonen sind eine der besten Erkenntnisquellen.
Eltern sehen den Übergang zwischen Verein und Zuhause, also Abholsituationen, Fahrgemeinschaften, Kommunikation.
Hauptamtliche und Hallenpersonal wissen, wer wann Zugang hat.
Die Beteiligung muss dabei nicht aufwendig sein. Vier kurze Gespräche in vier Gruppen ergeben mehr als ein durchdachter Fragebogen.
Wo endet die Risikoanalyse?
Drei Grenzen sind einzuhalten, weil ihre Missachtung die Analyse entwertet.
Sie bewertet keine Personen. Wer sie nutzt, um Verdächtigungen zu sammeln, macht sie unbrauchbar und beschädigt das Vertrauen. Gegenstand sind Bedingungen, nicht Menschen.
Sie ist keine einmalige Übung. Eine Analyse von vor fünf Jahren beschreibt einen Verein, den es so nicht mehr gibt. Neue Angebote, neue Räume, neue Altersgruppen verändern die Lage.
Sie endet nicht mit der Feststellung. Eine Liste von Risiken ohne Maßnahmen ist wertlos — schlimmer noch: Sie dokumentiert erkannte Gefahren, denen nicht abgeholfen wurde. Jede Feststellung braucht eine Entscheidung: ändern, absichern oder bewusst hinnehmen, mit Begründung.
Abzugrenzen ist sie schließlich von der Gefährdungsbeurteilung im Arbeitsschutz und von der Verkehrssicherung: Beide betreffen technische Sicherheit, nicht Gewalt zwischen Menschen. Die Methodik ähnelt sich, der Gegenstand nicht.3
Was folgt daraus?
Das Ergebnis ist eine überschaubare Tabelle, keine Studie. Vier Spalten genügen: Was wurde festgestellt, welche Maßnahme folgt daraus, wer ist zuständig, bis wann.
Typische Maßnahmen aus solchen Analysen sind unspektakulär und wirksam: eine Tür, die offen bleibt; ein Schlüssel, der eingezogen wird; eine zweite Person bei Fahrten; ein Fenster in der Bürotür; die Regel, dass niemand allein als Letzter in der Halle bleibt.
Und ein Hinweis, der die Akzeptanz erhöht: Die meisten dieser Maßnahmen schützen zugleich diejenigen, die korrekt arbeiten. Wer nie mit einem Kind allein ist, gerät auch nie in die Lage, sich rechtfertigen zu müssen.
Nachweise
- 1DOSB, Stufenmodell (2020), Stufe J; zu den Verhaltensregeln Stufe K. ↩
- 2Ziffer 08 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025) — Beteiligung von Sportler*innen an sie betreffenden Entscheidungen. ↩
- 3Vgl. zur Gefährdungsbeurteilung § 5 ArbSchG. ↩
Rechtsstand
- DOSB-Stufenmodell, Stufe J
- Fassung 2020 · Stand 2020