Partizipation von Athlet*innen
Lernziel: Erklären können, warum Beteiligung eine Schutzmaßnahme ist, geeignete Formate auswählen und Scheinbeteiligung vermeiden.
Warum ist Beteiligung eine Schutzmaßnahme?
Der Zusammenhang ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich und in der Sache zwingend.
Gewalt im Sport beruht auf Machtgefällen, und Machtgefälle wirken dort am stärksten, wo Widerspruch keine Übung hat. Wer nie erlebt hat, dass die eigene Meinung zählt, wird auch dann nicht widersprechen, wenn es darauf ankommt. Umgekehrt gilt: Wer regelmäßig gefragt wird und erlebt, dass Antworten Folgen haben, entwickelt ein Gefühl dafür, dass die eigene Grenze etwas gilt.
Drei Wirkungen
Sie stärkt die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Das ist kein pädagogisches Nebenprodukt, sondern die wirksamste individuelle Schutzwirkung, die eine Organisation herstellen kann.
Sie macht Regeln tragfähig. Regeln, an deren Formulierung Aktive mitgewirkt haben, werden eingehalten; verordnete werden umgangen — und zwar von allen Seiten.
Sie erzeugt Erkenntnis. Aktive wissen, welche Kabine man meidet, welche Fahrt unangenehm ist und wo man ungern allein bleibt. Diese Information erreicht die Leitungsebene nur über Beteiligung.
Die greifen das auf: Sportler*innen sind an Entscheidungen, die sie betreffen, zu beteiligen ().1
Welche Formate eignen sich?
Beteiligung scheitert selten am Willen und häufig am Format. Vier Zugänge decken die Praxis ab.
Regelmäßige kurze Rückmeldung. Fünf Minuten am Ende einer Einheit, mit zwei Fragen: Was war heute gut, was nicht? Das ist niedrigschwellig, kostet nichts und normalisiert das Sprechen.
Beteiligung an Regeln. Gruppenregeln, Umgang miteinander, Rituale, Kommunikation im Mannschaftschat — alles Themen, die Jugendliche selbst formulieren können und besser formulieren, als Erwachsene es täten.
Vertretung. Mannschaftssprecher*innen, Athletenvertretung im Verein oder Verband, feste Sitze in Gremien. Wirksam, sobald die Vertretung tatsächlich gehört wird.
Anonyme Rückmeldung. Ein einfacher Bogen oder ein digitales Formular, ausgewertet von einer Person außerhalb des Trainerteams. Das Stufenmodell sieht anonymisierte Evaluationen zum Wohlbefinden bei verbandseigenen Maßnahmen ausdrücklich vor.2
Die Formate sind an das Alter anzupassen, nicht umgekehrt. Zehnjährige beantworten keine Fragebögen mit Skalen; sie zeigen auf Bilder oder sagen es in einem Kreisgespräch.
Wo endet Beteiligung?
Drei Abgrenzungen bewahren sie vor Missverständnissen.
Beteiligung ist keine Abstimmung über alles. Aufstellung, Trainingsinhalte und Belastungssteuerung bleiben fachliche Entscheidungen. Beteiligt wird an dem, was das Miteinander betrifft — Regeln, Rituale, Kommunikation, Abläufe bei Fahrten.
Beteiligung entlässt Erwachsene nicht aus der Verantwortung. Die Schutzpflicht bleibt bei den Betreuenden. Eine Gruppe, die ein entwürdigendes Ritual mehrheitlich befürwortet, hat nicht recht; die untersagen solche Rituale ausnahmslos.
Beteiligung ersetzt keine Meldewege. Wer Beteiligung anbietet, aber keine vertrauliche Beschwerdemöglichkeit vorhält, hat nur die Hälfte getan.
Und die wichtigste Grenze: Scheinbeteiligung ist schädlicher als keine. Wer fragt und die Antworten folgenlos lässt, lehrt genau das Gegenteil dessen, was Beteiligung bewirken soll — nämlich dass Widerspruch nichts ändert.
Was macht Beteiligung glaubwürdig?
Vier Merkmale unterscheiden echte von symbolischer Beteiligung.
Der Gegenstand ist offen. Wer fragt, muss bereit sein, das Ergebnis zu akzeptieren. Fragen, deren Antwort feststeht, werden als solche erkannt.
Es gibt eine Rückmeldung. Was ist aus den Anregungen geworden, was wurde umgesetzt, was nicht und warum? Ohne diesen Schritt versandet jede Beteiligung nach zwei Runden.
Der Aufwand ist realistisch. Lieber zweimal im Jahr fünf Minuten, die wirklich stattfinden, als ein aufwendiges Verfahren, das einmal durchgeführt und dann vergessen wird.
Auch unbequeme Antworten werden ausgehalten. Kritik an Trainingsmethoden oder am Umgangston ist der Prüfstein. Wer sie abwehrt, hat die Beteiligung beendet, unabhängig davon, was formal weiterläuft.
Was heißt das für den eigenen Betrieb?
Drei Schritte, die in jedem Verein umsetzbar sind.
Gruppenregeln gemeinsam erarbeiten, einmal zu Saisonbeginn, in dreißig Minuten. Das Ergebnis hängt sichtbar in der Halle und wird bei Neuzugängen besprochen.
Eine Rückmeldemöglichkeit einrichten, die nicht über das Trainerteam läuft — eine , ein Briefkasten, ein Formular.
Einmal jährlich fragen, wie es der Gruppe geht, und die Antworten mit einer Rückmeldung schließen.
Und für die eigene Haltung im Training: Wer ankündigt, erklärt und Widerspruch zulässt, praktiziert Beteiligung im Kleinen — täglich und wirksamer als jedes Gremium.
Nachweise
- 1Ziffer 08 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025). ↩
- 2DOSB, Stufenmodell (2020). ↩
Rechtsstand
- Muster-Verhaltensregeln Safe Sport, Ziff. 08
- Fassung 2025 · Stand 2025
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