Macht und Abhängigkeit als Querschnittsdynamik
Lernziel: Erkennen, dass Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse die gemeinsame Grundlage aller Gewaltformen im Sport bilden, und die eigenen Machtquellen benennen können.
Warum steht Macht am Anfang jeder Gewaltform?
Die vier Formen des Safe Sport Codes beschreiben, was geschieht. Sie beschreiben nicht, warum es geschehen kann. Die Antwort darauf ist in nahezu allen Fällen dieselbe: weil ein Machtgefälle besteht und genutzt wird.1
Das ist keine moralische Feststellung, sondern eine strukturelle. Sport funktioniert über Über- und Unterordnung: Jemand entscheidet über Aufstellung, Trainingsinhalte, Kaderzugehörigkeit, Förderung, Zugang zu Wettkämpfen. Diese Asymmetrie ist notwendig und legitim — und sie ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass Gewalt möglich wird und unentdeckt bleibt.
Woraus entsteht Macht im Sport?
Macht ist im Sport nicht auf eine Quelle zurückzuführen, sondern auf mehrere, die sich verstärken.
Entscheidungsmacht. Aufstellung, Einsatzzeiten, Kadernominierung, Empfehlung an höhere Ebenen. Wer darüber verfügt, verfügt über die sportliche Zukunft anderer.
Wissens- und Erfahrungsvorsprung. Trainierende beurteilen Leistung, Technik und Entwicklungspotenzial. Widerspruch ist schwer, wenn die Beurteilung als fachliches Urteil auftritt.
Emotionale Bindung. Trainer*innen sind oft wichtige Bezugspersonen, gerade für Jugendliche. Anerkennung durch sie zählt — was Zuwendung zu einem wirksamen Steuerungsmittel macht.
Deutungsmacht. Wer bestimmt, was als normal, hart, notwendig oder überempfindlich gilt, prägt die Maßstäbe, an denen Betroffene ihr eigenes Erleben messen.
Strukturelle Macht. Position im Verein, Netzwerk, Reputation, Verdienste. Sie entscheidet darüber, wem im Konfliktfall geglaubt wird.
Wie wirkt sich das auf die einzelnen Gewaltformen aus?
Bei der seelischen Gewalt ist der Zusammenhang am unmittelbarsten: Herabwürdigung wirkt, weil sie von einer Person kommt, deren Urteil zählt. Dieselben Worte von einer beliebigen dritten Person hätten kaum Wirkung.
Bei der sexualisierten Gewalt ist die Machtasymmetrie regelmäßig das Mittel der Anbahnung: Sonderstellung, Zuwendung, Aussicht auf Förderung. Sie ist zugleich der Grund, warum Betroffene nicht widersprechen.
Bei der körperlichen Gewalt erlaubt sie es, Belastung und Strafe als Training darzustellen und Widerspruch als mangelnde Härte.
Und bei der Vernachlässigung verhindert sie, dass Bedürfnisse überhaupt geäußert werden — wer um seinen Platz fürchtet, sagt nicht, dass er Schmerzen hat.
Wo endet legitime Autorität?
Sport funktioniert über Über- und Unterordnung, und das ist weder zu beklagen noch abzuschaffen. Trainerinnen und Trainer entscheiden über Aufstellung, Inhalte und Belastung; sie müssen es tun, und sie müssen es nicht begründen können wie ein Verwaltungsakt.
Missbräuchlich wird Autorität an drei Punkten. Wenn sie sportfremd eingesetzt wird — die Aufstellung als Druckmittel für Verhalten außerhalb des Trainings. Wenn sie Widerspruch systematisch unmöglich macht — nicht durch Verbot, sondern durch Sanktionierung derer, die widersprechen. Wenn sie mit Zuwendung verkoppelt wird — Anerkennung als Belohnung für Fügsamkeit.
Der praktische Prüfstein ist die Begründbarkeit: Eine Entscheidung, die sich sportlich erklären lässt, ist Autorität. Eine, die sich nur mit der Person der entscheidenden Instanz erklären lässt, ist Macht.
Was folgt daraus für das eigene Verhalten?
Der wichtigste Schritt ist die Anerkennung, dass die eigene Position Macht bedeutet — auch dann, wenn man sie nicht sucht und sich nicht mächtig fühlt. Wer sich als „einer von ihnen“ versteht, unterschätzt regelmäßig die Wirkung des eigenen Urteils.
Daraus folgen drei Haltungen, die die in Regeln übersetzt haben. Entscheidungen begründen statt verkünden — die Regeln verlangen die Beteiligung von Sportler*innen an sie betreffenden Entscheidungen (). Zuwendung nicht als Steuerungsmittel einsetzen — deshalb sind private Geschenke und unsachliche Bevorzugung untersagt (). Nachvollziehbar handeln — Abweichungen von den Regeln werden abgesprochen, begründet und kommuniziert ().2
Und schließlich: Wer Macht hat, kann Widerspruch ermöglichen. Verein und Verband, in denen Kritik an Trainerentscheidungen ohne Nachteil möglich ist, haben es strukturell schwerer, Gewalt zu verbergen.
Was bedeutet das für Verein und Verband?
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Nachweise
- 1Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4.5 bis 4.8: Die vier Formen beschreiben das Verhalten, nicht seine strukturellen Voraussetzungen. Zu diesen Zukunftsplan Safe Sport (DOSB/dsj, 2023). ↩
- 2Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025), Ziffern 08, 18 und 20. ↩
Rechtsstand
- Muster-Safe Sport Code
- Fassung 2025 · Stand 2025
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Nennen Sie drei Quellen von Macht im Trainingsverhältnis.
Warum ist die Konzentration mehrerer Rollen in einer Person ein Warnzeichen?
Welche Verhaltensregel begrenzt den Einsatz von Zuwendung als Steuerungsmittel?
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