Kapitel 1 · Niveau Basis · Bronze

Gewalt unter Kindern und Jugendlichen

Lernziel: Grenzüberschreitungen unter Gleichaltrigen von normalen Konflikten unterscheiden, die eigene Handlungspflicht als Aufsichtsperson erkennen und angemessen reagieren können.

4 Min.

Worum geht es bei Gewalt unter Gleichaltrigen?

Der Safe Sport Code schützt vor interpersonaler Gewalt, ohne danach zu unterscheiden, von wem sie ausgeht. Erfasst sind damit auch Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen — in der Mannschaft, in der Kabine, auf Fahrten, im Gruppenchat.1

Diese Fälle sind keine eigene Gewaltform, sondern eine eigene Konstellation. Sie unterscheidet sich in zwei Punkten grundlegend von Übergriffen durch Erwachsene. Erstens sind beide Beteiligte minderjährig, also beide schutzbedürftig und beide in Entwicklung. Zweitens fehlt in der Regel das strukturelle Machtgefälle, das Erwachsenen gegenüber Kindern zukommt — an seine Stelle treten Gruppendynamik, körperliche Überlegenheit, sozialer Status oder Mehrheitsverhältnisse.

Daraus folgt die wichtigste Regel für den Umgang: Kein Täter-Frame gegenüber Kindern. Die Reaktion ist zuerst pädagogisch, nicht disziplinarisch. Das bedeutet nicht Verharmlosung — es bedeutet, dass die Betroffenen geschützt und die Handelnden zugleich als Personen behandelt werden, deren Verhalten korrigierbar ist.

In welchen Formen tritt sie auf?

Körperlich

Schubsen, Festhalten, Schläge, gezielte Fouls über das Spielgeschehen hinaus, körperliche Mutproben. Die Abgrenzung zum Raufen und zum sportlichen Zweikampf verläuft dort, wo Freiwilligkeit endet oder ein Ungleichgewicht ausgenutzt wird.

Seelisch

Der häufigste und am längsten unbemerkte Bereich: Auslachen, Herabwürdigung, systematisches Ignorieren, Ausschluss aus der Gruppe, Entfernen aus dem Mannschaftschat, Verbreiten von Gerüchten. Diskriminierende Äußerungen gehören ausdrücklich hierher ( ).2

Sexualisiert

Anzügliche Bemerkungen, Entblößen, Berühren im Intimbereich, Aufnahmen in Umkleide und Dusche, Weitergabe von Bildern. Ein besonders häufiges Muster sind Rituale: Aufnahmerituale, Mutproben oder Strafen, die entwürdigen. Die untersagen sie ausnahmslos () — und zwar unabhängig davon, ob die Beteiligten sie als freiwillig darstellen.3

Wann wird aus einem Konflikt ein Übergriff?

Kinder und Jugendliche streiten, messen sich, grenzen sich ab und testen Grenzen — das ist Teil der Entwicklung und nicht zu unterbinden. Vier Merkmale unterscheiden den normalen Konflikt vom Übergriff.

Ungleichgewicht. Sind die Beteiligten in Alter, Körperkraft, Status oder Anzahl vergleichbar, oder steht eine Person allein gegen eine Gruppe?

Wiederholung. Ein einzelner Streit ist etwas anderes als ein Muster, das sich über Wochen gegen dieselbe Person richtet.

Freiwilligkeit. Der schwierigste Punkt: In Gruppensituationen ist Zustimmung fast nie frei. Wer beim Ritual mitmacht, um dazuzugehören, hat nicht zugestimmt, sondern sich gefügt.

Wirkung. Zieht sich die betroffene Person zurück, meidet sie Training oder Kabine, verändert sich ihr Verhalten — dann ist die Grenze überschritten, unabhängig davon, wie die Beteiligten es einordnen.

Welche Verantwortung trifft die Aufsichtsperson?

Hier liegt der Punkt, der im Kurs am häufigsten überrascht: Bei Peer-Gewalt entsteht regelmäßig ein eigenständiger Vorwurf gegen die betreuende Person — nicht wegen dessen, was sie getan hat, sondern wegen dessen, was sie unterlassen hat.

Wer Aufsicht führt, hat eine Handlungspflicht. Wird ein entwürdigendes Ritual geduldet, wird Ausgrenzung übersehen oder mitgelacht, liegt darin ein pflichtwidriges Unterlassen. Der Code stellt Tun und Unterlassen ausdrücklich gleich (), und für die Sanktionierung genügt Fahrlässigkeit ().4

Das ist keine theoretische Konstruktion. In aufgearbeiteten Fällen ist das Dulden von Ritualen und Mobbing regelmäßig der Punkt, an dem eine Kultur entsteht, in der später Schwereres möglich wird.

Wie reagiert man angemessen?

Unterbrechen. Sofort und ohne Diskussion. Die Situation wird beendet, bevor irgendetwas geklärt wird.

Benennen. Klar sagen, was nicht in Ordnung war — an das Verhalten adressiert, nicht an die Person. Und zwar in der Gruppe, weil die Gruppe die Norm mitträgt.

Getrennt sprechen. Mit der betroffenen Person zuerst und ohne Zeugen: Was brauchst du, was soll geschehen? Mit der handelnden Person danach, ebenfalls einzeln.

Eltern einbeziehen, je nach Alter und Schwere — auf beiden Seiten.

Regeln in der Gruppe erneuern. Rituale, die entwürdigen, werden beendet, nicht angepasst. Wo Beteiligung sinnvoll ist, können Regeln gemeinsam erarbeitet werden.

Melden, wenn Anhaltspunkte für bestehen — insbesondere bei sexualisierten Übergriffen, bei Wiederholung oder wenn die eigene Einwirkung nicht ausreicht. Das gilt auch hier (); die Prüfung ist Sache der zuständigen Stelle, nicht der eigenen.5

Und was zu unterlassen ist: keine Konfrontation der Beteiligten miteinander, keine Klärung „unter vier Augen mit beiden“, keine Verhandlung über Entschuldigungen vor der Gruppe.

Rechtliche EinordnungGold

Was folgt daraus für die Rechtsanwendung?

🔒 Dieser Block ist ab Stufe Gold sichtbar.

Für die OrganisationSilber

Was bedeutet das für Verein und Verband?

🔒 Dieser Block ist ab Stufe Silber sichtbar.

Nachweise

  1. 1Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4.4 und 5.1.
  2. 2Ziffer 01 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025): diskriminierende Äußerungen und Handlungen gelten als seelische Gewalt.
  3. 3Ziffer 04 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025) — Umgang miteinander: erfasst sind Mutproben und Aufnahmerituale, die Personen entwürdigen oder bedrängen können.
  4. 4Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 5.1: Das Verbot erfasst jedes Verhalten, Tun wie Unterlassen. Zur Vernachlässigung als pflichtwidrigem Unterlassen fürsorglichen Verhaltens Art. 4.8.
  5. 5Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 6.1: Das Meldegebot gilt bei Anhaltspunkten für interpersonale Gewalt unabhängig davon, von wem sie ausgeht.

Rechtsstand

Muster-Safe Sport Code
Fassung 2025 · Stand 2025

Geprüft am 27.07.2026 · Volatilitätsklasse C · Version 3 · SSP-01-11 Rn. 1–21

Wissen prüfen

Ist Gewalt unter Gleichaltrigen vom Safe Sport Code erfasst?

Ein Aufnahmeritual wird von allen als freiwillig bezeichnet. Ändert das etwas?

Welcher Vorwurf trifft die Aufsichtsperson, die zusieht?

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