Kapitel 1 · Niveau Basis · Bronze

Die Stufenfolge von der Grenzverletzung bis zur Straftat (Kontinuum)

Lernziel: Vorfälle auf der Stufenfolge zwischen unbeabsichtigter Grenzverletzung und Straftat einordnen und die jeweils angemessene Reaktion ableiten können.

3 Min.

Warum spricht man von einem Kontinuum?

Weil Grenzüberschreitungen im Sport nicht in zwei Schubladen passen. Zwischen dem versehentlichen Griff und der Straftat liegt ein breites Feld, und die meisten Vorfälle liegen genau dort. Ein Denkmodell, das nur „harmlos“ und „strafbar“ kennt, führt regelmäßig zu einer der beiden falschen Reaktionen: Verharmlosung oder Überreaktion.

Das Kontinuum unterscheidet drei Stufen — , Übergriff, strafbare Handlung — und ordnet ihnen unterschiedliche Reaktionen zu. Es ersetzt nicht die Prüfung nach dem Code, sondern hilft, sie einzuordnen.

Die drei Stufen

Grenzverletzung

Verhalten, das die persönliche Grenze einer anderen Person überschreitet, ohne dass dies beabsichtigt oder gezielt geschieht. Es entsteht aus Unachtsamkeit, fehlendem Wissen, ungünstigen Rahmenbedingungen oder einer Kultur, die es zulässt. Beispiele: eine unbedachte Bemerkung über den Körper, ein Betreten der Umkleide ohne Anklopfen, eine Hilfestellung ohne Ankündigung.

Kennzeichnend ist, dass die betroffene Person es als Überschreitung erlebt, während die handelnde Person es häufig gar nicht bemerkt. en sind korrigierbar — sie erfordern Ansprache, Entschuldigung und eine klare Regel für die Zukunft.

Übergriff

Verhalten, das nicht aus Versehen geschieht, sondern Grenzen bewusst und wiederholt missachtet. Kennzeichnend sind Absicht oder zumindest Inkaufnahme, oft ein Muster, und häufig das Ausnutzen einer Machtposition. Ein Übergriff ist keine Frage der Unachtsamkeit, sondern der Haltung.

Hier greift der Safe Sport Code voll: Ein Übergriff ist regelmäßig im Sinne des und damit nach verboten — auch dann, wenn strafrechtlich nichts vorliegt.1

Strafbare Handlung

Verhalten, das zusätzlich einen Straftatbestand erfüllt. Hier tritt das staatliche Recht hinzu; Sport- und Strafverfahren stehen nebeneinander.

Woran erkennt man, auf welcher Stufe man ist?

Vier Fragen führen in den meisten Fällen zu einer tragfähigen Einordnung.

War es beabsichtigt oder in Kauf genommen? Unachtsamkeit spricht für eine , Absicht für einen Übergriff.

Geschah es einmal oder wiederholt? Wiederholung nach erkennbarer Ablehnung verlagert das Geschehen nach oben.

Wurde eine Machtposition genutzt? Wer Aufstellung, Kaderzugehörigkeit oder Zuwendung als Hebel einsetzt, handelt nicht unachtsam.

Wie hat die handelnde Person auf die Reaktion reagiert? Einsicht und Korrektur sprechen für eine ; Rechtfertigung, Verharmlosung oder Druck auf die betroffene Person sprechen dagegen.

Nicht geeignet als Maßstab ist die Reaktion der betroffenen Person. Schweigen und Mitlachen sind Anpassungsstrategien, keine Zustimmung.

Welche Reaktion gehört zu welcher Stufe?

Bei einer Grenzverletzung ist die Ansprache die richtige Antwort: benennen, klären, künftig anders machen. Wer hier meldet, ohne vorher zu sprechen, erzeugt Abwehr; wer nie anspricht, lässt eine Kultur entstehen, in der Übergriffe möglich werden.

Beim Übergriff ist die Ansprache nicht mehr ausreichend. Hier greift das : Bestehen Anhaltspunkte für , ist die Meldung für die Personen geboten, die dafür einzustehen haben, dass keine interpersonale Gewalt ausgeübt wird — etwa Trainer*innen gegenüber den ihnen anvertrauten Sportler*innen (, 6.2); allen anderen steht die Meldung frei. Verlangt die betroffene Person ernstlich, dass keine Meldung erfolgt, entfällt die Pflicht. Eigene Ermittlungen sind nicht gefragt.2

Bei einer strafbaren Handlung kommt die Beteiligung der Strafverfolgungsbehörden hinzu; die Entscheidung darüber liegt nicht bei der beobachtenden Person, sondern bei den zuständigen Stellen und den Betroffenen.

Eine Einschränkung ist wichtig: Die Zuordnung zu einer Stufe ist keine Vorentscheidung über die Sanktion. Sie hilft, angemessen zu reagieren — und sie ersetzt nicht die Prüfung, ob ein Verstoß gegen den Code vorliegt.

Rechtliche EinordnungGold

Was folgt daraus für die Rechtsanwendung?

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Nachweise

  1. 1Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4 (Formen interpersonaler Gewalt) und Art. 5.1 (Verbot), das unabhängig von einer Strafbarkeit gilt.
  2. 2Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 6.1 und 6.2.

Rechtsstand

Muster-Safe Sport Code
Fassung 2025 · Stand 2025

Geprüft am 27.07.2026 · Volatilitätsklasse A · Version 4 · SSP-01-08 Rn. 1–17

Wissen prüfen

Welche drei Stufen unterscheidet das Kontinuum?

Wie reagiert man angemessen auf eine Grenzverletzung?

Ist die Reaktion der betroffenen Person ein Maßstab für die Einordnung?

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