Kapitel 1 · Niveau Basis · Bronze

Die Perspektive Betroffener

Lernziel: Erklären können, warum Betroffene häufig spät, unvollständig oder gar nicht über Erlebtes sprechen, und daraus Folgerungen für das eigene Verhalten ableiten.

4 Min.

Warum sprechen Betroffene oft nicht?

Die Frage „Warum hat sie nichts gesagt?“ ist im Sport verbreitet — und sie ist falsch gestellt. Sie unterstellt, Schweigen sei erklärungsbedürftig und Sprechen der Normalfall. Tatsächlich ist es umgekehrt: Schweigen ist die häufigste Reaktion, und sie hat nachvollziehbare Gründe.

Scham

Betroffene schämen sich für etwas, das ihnen angetan wurde. Das ist unlogisch und trotzdem die Regel. Scham wirkt umso stärker, je stärker das Erlebte den Körper oder die Intimsphäre betrifft.1

Loyalität und Zuneigung

In vielen Fällen ist die handelnde Person nicht fremd, sondern eine wichtige Bezugsperson — eine Trainerin, der man viel verdankt, ein Betreuer, der die Karriere fördert. Betroffene wollen dieser Person häufig nicht schaden, auch wenn sie unter ihr leiden.2

Abhängigkeit

Wer über Aufstellung, Kaderzugehörigkeit oder Förderung entscheidet, hat Macht. Eine Meldung kann die sportliche Zukunft gefährden — das ist keine eingebildete, sondern eine reale Sorge.3

Zweifel an der eigenen Wahrnehmung

Gerade bei en und im Vorfeld von Übergriffen sind Betroffene unsicher, ob das Erlebte „schlimm genug“ war. Wiederholt gehörte Sätze wie „Stell dich nicht so an“ verstärken diesen Zweifel.

Sorge vor den Folgen

Angst vor dem Verlust der Mannschaft, vor Konflikten im Verein, vor der Reaktion der Eltern, vor einem Verfahren. Betroffene wägen ab — und entscheiden sich häufig gegen das Sprechen, weil sie die Folgen für sich selbst fürchten.

Was folgt daraus für die Einordnung von Vorfällen?

Drei Schlussfolgerungen sind für die Praxis unmittelbar bedeutsam.

Späte Meldungen sind normal, nicht verdächtig. Monate oder Jahre zwischen Vorfall und Offenbarung sind der Regelfall, nicht die Ausnahme.

Berichte sind oft unvollständig oder verändern sich. Betroffene erzählen zunächst das, was ihnen am wenigsten unangenehm ist, oder das, was sie für glaubwürdig halten. Ergänzungen im Verlauf sind kein Indiz gegen die Richtigkeit.

Verhalten nach dem Vorfall ist kein Maßstab. Wer weiter zum Training kommt, freundlich bleibt oder scheinbar unbeschwert wirkt, widerlegt damit nichts. Anpassung ist eine Schutzstrategie, insbesondere in Abhängigkeitsverhältnissen.

Was heißt das für den Umgang mit Betroffenen?

Wenn jemand sich anvertraut, entscheidet die erste Reaktion oft darüber, ob überhaupt weitergesprochen wird. Vier Punkte sind dabei tragend.

Zuhören und glauben. Nicht bewerten, nicht relativieren, nicht nach Beweisen fragen. Die Prüfung ist Aufgabe der zuständigen Stelle.

Nicht ausfragen. Keine Detailfragen, keine Warum-Fragen, keine Rekonstruktion des Ablaufs. Wiederholtes Erzählen belastet und kann die spätere Aufklärung erschweren.

Keine Zusagen, die nicht gehalten werden können. Absolute Verschwiegenheit ist die häufigste und schädlichste Zusage. Ehrlicher ist: „Ich muss Unterstützung holen. Ich sage dir, was ich tue.“

Kontrolle zurückgeben. Betroffene haben Kontrolle verloren; ihnen die Entscheidung über die nächsten Schritte so weit wie möglich zu belassen, ist selbst Teil der Hilfe — begrenzt durch Schutzinteressen, insbesondere bei Minderjährigen.

Was Betroffene erleben, wenn es schiefgeht

Sekundärviktimisierung bezeichnet die Belastung, die nicht durch die Tat selbst entsteht, sondern durch die Reaktion des Umfelds: durch Zweifel, durch wiederholte Befragungen, durch Ausgrenzung nach einer Meldung, durch das Gefühl, den Verein beschädigt zu haben. Sie ist vermeidbar — und wer sie vermeidet, erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Vorfälle überhaupt bekannt werden.4

Wo verläuft die Grenze zwischen Rücksicht und Bevormundung?

Wer die beschriebenen Dynamiken kennt, neigt zu einem zweiten Fehler: Betroffene zu schonen, indem man für sie entscheidet. Auch das nimmt Kontrolle — nur mit guter Absicht.

Die Unterscheidung ist einfacher, als sie klingt. Rücksicht heißt: nicht ausfragen, nicht drängen, keine Details verlangen, das Tempo der anderen Person übernehmen. Bevormundung heißt: entscheiden, was gut für sie ist, ohne sie zu fragen — den Verein informieren, ohne es anzukündigen, die Eltern anrufen, ohne es zu besprechen, eine Meldung als beschlossene Sache darstellen.

Die Grenze verläuft dort, wo Schutzinteressen zwingend werden. Bei Minderjährigen und bei akuter Gefährdung gehen sie der Selbstbestimmung vor — das ist offen zu sagen, nicht zu verschweigen. In allen anderen Fällen gilt: informieren, was geschehen muss, und alles Übrige gemeinsam entscheiden.

Wenn Sie betroffen sindBronze

Wenn Sie selbst betroffen sind

Wenn Sie sich in dem wiederfinden, was hier beschrieben ist, dann geht es Ihnen wie den meisten. Dass Sie nichts gesagt haben, dass Sie weiter zum Training gegangen sind, dass Sie die Person mögen oder ihr nicht schaden wollen — nichts davon spricht gegen Sie, und nichts davon macht das Erlebte weniger real.

Sie müssen sich nicht sicher sein und nichts beweisen, um mit jemandem zu sprechen. Beratung gibt es bei der in Verein oder Verband, bei den Anlaufstellen des organisierten Sports, bei unabhängigen Fachberatungsstellen und beim Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch — kostenlos, auf Wunsch anonym, und ohne dass daraus etwas folgen muss, das Sie nicht wollen.

Rechtliche EinordnungGold

Was folgt daraus für die Rechtsanwendung?

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Nachweise

  1. 1Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj, 2025), S. 13 und S. 23: Betroffene sexualisierter Gewalt empfinden vielfach Scham, Hilflosigkeit und Ohnmacht; die Verletzung der Intimsphäre kann ein Höchstmaß an Erniedrigung auslösen, und die meisten Kinder und Jugendlichen offenbaren sich nicht oder erst spät.
  2. 2Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj, 2025), S. 13 und S. 23: Betroffene sexualisierter Gewalt empfinden vielfach Scham, Hilflosigkeit und Ohnmacht; die Verletzung der Intimsphäre kann ein Höchstmaß an Erniedrigung auslösen, und die meisten Kinder und Jugendlichen offenbaren sich nicht oder erst spät.
  3. 3Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj, 2025), S. 13 und S. 23: Betroffene sexualisierter Gewalt empfinden vielfach Scham, Hilflosigkeit und Ohnmacht; die Verletzung der Intimsphäre kann ein Höchstmaß an Erniedrigung auslösen, und die meisten Kinder und Jugendlichen offenbaren sich nicht oder erst spät.
  4. 4Handreichung „Betroffenenorientierte Untersuchungen“ (ASD Safe Sport Webinar) — kuratierte Drittquelle.

Rechtsstand

Muster-Safe Sport Code
Fassung 2025 · Stand 2025

Geprüft am 27.07.2026 · Volatilitätsklasse B · Version 2 · SSP-01-09 Rn. 1–19

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Nennen Sie drei Gründe, warum Betroffene schweigen.

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Was ist die häufigste schädliche Zusage im Erstgespräch?

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