Kapitel 1 · Niveau Vertiefung · Silber

Besondere Vulnerabilitäten

Lernziel: Erkennen, welche Konstellationen das Risiko erhöhen, Gewalt zu erfahren und sie nicht melden zu können, und daraus Schutzmaßnahmen ableiten, ohne betroffene Personen zu stigmatisieren.

5 Min.

Was bedeutet Vulnerabilität im Sport?

Der Begriff wird häufig missverstanden. Vulnerabilität ist keine Eigenschaft einer Person — niemand ist „von Natur aus verletzlich“. Sie beschreibt ein Verhältnis: zwischen den Voraussetzungen, die jemand mitbringt, und den Bedingungen, unter denen er oder sie Sport treibt.

Dieselbe Person kann in einer Umgebung gut geschützt und in einer anderen erheblich gefährdet sein. Ein Jugendlicher mit Behinderung, dessen Verein Assistenz organisiert, Meldewege erklärt und Regeln beteiligt entwickelt hat, ist nicht vulnerabel. Derselbe Jugendliche in einem Verein ohne , mit wechselnden Betreuenden und ohne barrierefreie Kommunikation ist es sehr wohl.

Die doppelte Wirkung

Vulnerabilität wirkt an zwei Stellen, und beide sind gleich wichtig. Sie erhöht das Risiko, Gewalt zu erfahren — weil Abhängigkeit größer, Kontrolle geringer oder Gelegenheit häufiger ist. Und sie senkt die Chance, sie zu melden — weil Kommunikationswege fehlen, weil das Risiko des Sprechens höher wiegt oder weil weniger geglaubt wird.

Der zweite Punkt ist der wirksamere: Wo Meldung unwahrscheinlich ist, entsteht Straflosigkeit, und Straflosigkeit zieht weitere Übergriffe nach sich. Genau deshalb ist der Zugang zu Meldewegen keine Verwaltungsfrage, sondern Kernbestandteil des Schutzes.

Welche Konstellationen sind besonders betroffen?

Behinderung und Unterstützungsbedarf

Das aus der Fachliteratur am deutlichsten belegte Feld. Mehrere Faktoren treffen zusammen: höherer Bedarf an körperlicher Assistenz und damit an Körperkontakt, größere Abhängigkeit von einzelnen Personen, häufig eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten, seltener eigene Erfahrung mit Grenzsetzung — und die verbreitete Annahme des Umfelds, Berichte seien weniger verlässlich. Im Sport kommt hinzu, dass Assistenz und Betreuung oft in einer Person zusammenfallen.

Kader-, Internats- und Leistungssportstrukturen

Je enger die Bindung an eine Trainingsgruppe und je größer die Abhängigkeit von einzelnen Entscheidungen, desto höher der Preis des Widerspruchs. Internate verschärfen das, weil Sport, Wohnen und soziales Umfeld zusammenfallen und ein Ausweichen praktisch nicht möglich ist.

Neu in der Gruppe, jung, allein

Wer neu ist, kennt die Regeln nicht, hat keine Verbündeten und will dazugehören. Das ist die Konstellation, in der Aufnahmerituale funktionieren und in der Sonderzuwendung besonders wirksam ist.

Sexuelle und geschlechtliche Identität

Die Studienlage — etwa die SicherImSport-Befragung — zeigt eine erhöhte Betroffenheit von Menschen, die sich in Umkleide-, Wettkampf- oder Mannschaftsstrukturen nicht selbstverständlich wiederfinden. Wer dazu gehört, erlebt häufiger diskriminierende Äußerungen — die die als einordnen — und meldet seltener, weil eine Meldung zugleich ein Offenlegen bedeuten kann.1

Sprache, Herkunft, Aufenthaltsstatus

Wer die Regeln sprachlich nicht versteht, kann sie nicht einfordern. Kommt eine unsichere aufenthaltsrechtliche Lage hinzu, wiegt das Risiko einer Meldung ungleich schwerer.

Frühere Gewalterfahrung

Wer bereits Gewalt erfahren hat, ist erneut gefährdeter — teils, weil Grenzsignale weniger erkannt oder weniger beachtet werden, teils, weil frühere Erfahrungen mit Nichtglauben die Schwelle zur Meldung erhöht haben.

Wie wirken mehrere Merkmale zusammen?

Die Merkmale treten selten einzeln auf, und sie addieren sich nicht — sie verstärken sich. Eine sechzehnjährige Athletin mit Behinderung in einem Internat, deren Familie weit entfernt lebt, befindet sich nicht in drei getrennten Risikolagen, sondern in einer, die qualitativ anders ist als jede einzelne.

Für die Praxis bedeutet das zweierlei. Erstens taugen Listen nur begrenzt: Entscheidend ist nicht, wie viele Merkmale zutreffen, sondern wie stark Abhängigkeit und Isolation im konkreten Fall sind. Zweitens sind die wirksamsten Maßnahmen jene, die an mehreren Stellen zugleich ansetzen — etwa ein Meldeweg, der sprachlich einfach, körperlich erreichbar und personell unabhängig vom Trainingsbetrieb ist.

Wo verläuft die Grenze zwischen Schutz und Sonderbehandlung?

Diese Frage entscheidet darüber, ob Schutzmaßnahmen wirken oder das Gegenteil bewirken.

Schutz bedeutet, Zugang zu verbessern: Informationen in verständlicher Sprache, erreichbare en, Regeln, die alle kennen, Beteiligung an ihrer Aufstellung. Solche Maßnahmen nützen allen und heben niemanden heraus.

Sonderbehandlung bedeutet, einzelne Personen anders zu behandeln als die Gruppe — besondere Aufsicht, gesonderte Gespräche, Ausnahmen von gemeinsamen Aktivitäten. Sie erzeugt genau das, was sie verhindern soll: Sichtbarkeit als „besonders“, Abhängigkeit von der schützenden Person und im schlechtesten Fall Ausgrenzung durch die Gruppe.

Drei Prüffragen helfen. Nützt die Maßnahme allen oder nur einer Person? Was allen nützt, ist fast immer die bessere Lösung. Hebt sie jemanden sichtbar heraus? Dann ist sie zu überdenken. Wurde die betroffene Person gefragt? Schutzmaßnahmen, die über Köpfe hinweg beschlossen werden, verfehlen ihren Zweck regelmäßig — und wiederholen strukturell die Erfahrung des Fremdbestimmtwerdens.

Nicht gemeint ist damit, dass individuelle Vereinbarungen unzulässig wären. Wer Assistenz beim Umkleiden braucht, braucht eine Regelung dafür — sie wird nur mit der Person getroffen und nicht über sie.

Was folgt daraus für die eigene Praxis?

Der wirksamste Ansatz ist nicht, gefährdete Personen zu identifizieren, sondern Bedingungen zu ändern, die Gefährdung erzeugen.

Assistenz und Betreuung trennen, wo es geht. Wer körperliche Hilfe leistet, sollte nicht zugleich über Nominierungen entscheiden. Wo das nicht möglich ist, gehört es abgesprochen und dokumentiert ( ).2

Kommunikationswege prüfen. Kennen alle die — auch diejenigen, die Schrift schwer lesen, wenig Deutsch sprechen oder neu sind? Ein Aushang genügt dafür nicht.

Regeln gemeinsam entwickeln. Die sehen die Beteiligung von Sportler*innen an sie betreffenden Entscheidungen ausdrücklich vor (). Beteiligte Regeln werden getragen, verordnete werden umgangen.3

Rituale und Gruppenpraktiken überprüfen. Sie treffen Neue und Abweichende zuerst.

Und das Wichtigste: Nicht fragen, wer besonders geschützt werden muss, sondern wo im eigenen Betrieb Widerspruch schwer ist. Dort liegt das Risiko — unabhängig davon, wer gerade betroffen ist.

Rechtliche EinordnungGold

Was folgt daraus für die Rechtsanwendung?

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Für die OrganisationSilber

Was bedeutet das für Verein und Verband?

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Nachweise

  1. 1Rulofs/Allroggen, Forschungsprojekt „SicherImSport“ (Factsheet zur Zwischenauswertung 2021): erhöhte Betroffenheit von Personen nach sexueller und geschlechtlicher Identität. Zitiert nach Nolte, Einrichtung für sicheren und gewaltfreien Sport — eine Machbarkeitsstudie, S. 19 f.; das Primärdokument liegt der Bibliothek nicht vor.
  2. 2Ziffer 20 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025) — Transparenz im Handeln: Notwendige Abweichungen von den Regeln werden abgesprochen, begründet und kommuniziert.
  3. 3Ziffer 08 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025).

Rechtsstand

Muster-Safe Sport Code
Fassung 2025 · Stand 2025

Geprüft am 27.07.2026 · Volatilitätsklasse C · Version 3 · SSP-01-12 Rn. 1–23

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Warum ist Vulnerabilität keine Eigenschaft einer Person?

Nennen Sie die doppelte Wirkung von Vulnerabilität.

Worin unterscheiden sich Schutz und Sonderbehandlung?

Welche Frage ist für die Risikoanalyse hilfreicher als die nach besonders gefährdeten Personen?

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