Kapitel 1 · Niveau Basis · Bronze

Seelische Gewalt

Lernziel: Seelische Gewalt nach dem Safe Sport Code in ihren Erscheinungsformen erkennen, von legitimer Kritik und Leistungsanforderung abgrenzen und die Einordnung von Diskriminierung erklären können.

3 Min.

Was ist seelische Gewalt nach dem Safe Sport Code?

Der Code beschreibt sie als , durch das das seelische, mentale oder soziale Wohlbefinden oder die Entwicklung einer Person beeinträchtigt wird oder beeinträchtigt werden kann ().1

Der Zuschnitt ist weiter, als der Alltagsbegriff vermuten lässt. Erfasst ist nicht nur das seelische, sondern ausdrücklich auch das mentale und soziale Wohlbefinden — also auch die Stellung in der Gruppe — und darüber hinaus die Entwicklung einer Person. Damit sind Verhaltensweisen erfasst, deren Wirkung sich erst über Monate zeigt und die im Einzelfall harmlos erscheinen.2

In anderen Dokumenten des organisierten Sports findet sich für dieselbe Form der Begriff **. Gemeint ist dasselbe; wer mit dem Code arbeitet, verwendet dessen Sprache.3

In welchen Formen begegnet sie im Sport?

Herabwürdigung

Beschimpfen, Lächerlichmachen, Bloßstellen vor der Mannschaft, abwertende Kommentare zu Körper, Gewicht, Herkunft oder Leistung. Öffentlichkeit verschärft die Wirkung erheblich — dieselbe Bemerkung wirkt unter vier Augen anders als vor fünfzehn Zuhörenden.

Drohung und Druck

Androhen von Nichtaufstellung, Kaderausschluss oder Entzug von Unterstützung, um Verhalten zu erzwingen. Der Übergang zur legitimen sportlichen Entscheidung liegt darin, ob eine sachliche Grundlage besteht oder ob Abhängigkeit ausgenutzt wird.

Ausgrenzung und Ignorieren

Systematisches Übergehen, Nichtbeachten, Isolieren innerhalb der Gruppe, Dulden von Ausgrenzung durch andere. Die erfassen zudem ausdrücklich Mutproben und Aufnahmerituale, die Personen entwürdigen oder bedrängen können ().4

Diskriminierung

Die stellen klar, dass diskriminierende Äußerungen und Handlungen — etwa mit Bezug auf Herkunft, Hautfarbe, Behinderung, Religion, Sprache oder geschlechtliche und sexuelle Identität — als gelten. Diskriminierung ist damit keine eigene fünfte Kategorie, sondern ein Unterfall der seelischen Gewalt — der Code ordnet sie über die Verhaltensregeln ein, statt einen eigenen Verbotstatbestand zu schaffen.5

Digitale Formen

Herabwürdigung in Mannschaftschats, Ausschluss aus Gruppen, Verbreitung bloßstellender Inhalte. Der digitale Raum ändert nicht die Kategorie, wohl aber Reichweite und Dauerhaftigkeit.

Wo verläuft die Grenze zu Kritik und Leistungsanforderung?

Dies ist die schwierigste Abgrenzung des gesamten Formenkatalogs. Kritik ist erlaubt, Anforderungen sind erlaubt, und auch unangenehme Entscheidungen wie Nichtaufstellung sind erlaubt. Vier Fragen führen weiter.

Person oder Leistung? „Der Aufschlag war zu kurz“ richtet sich an die Handlung. „Du bist eine Katastrophe“ richtet sich an die Person. Der Unterschied liegt nicht in der Schärfe, sondern im Adressaten.

Öffentlich oder unter vier Augen? Bloßstellung vor der Gruppe hat eine eigene Qualität, weil sie die soziale Stellung angreift — und genau die schützt ausdrücklich mit.6

Einmal oder wiederholt? Ein unbedachter Satz im Spielverlauf ist etwas anderes als ein Muster über Wochen. Für die Beeinträchtigung der Entwicklung ist Dauerhaftigkeit oft entscheidend.

Sachlich begründet oder Ausnutzung von Abhängigkeit? Eine Aufstellungsentscheidung ist Trainerhandwerk. Dieselbe Entscheidung als Druckmittel für sportfremdes Verhalten ist Missbrauch.

Zwei häufige Missverständnisse lassen sich damit auflösen. Lautstärke allein begründet keinen Verstoß — im Hallensport ist sie oft schlicht funktional. Und eine harte Ansage nach einer schwachen Leistung ist zulässig, solange sie das Verhalten adressiert und nicht die Person entwertet.

Warum wird sie so selten gemeldet?

hinterlässt keine sichtbaren Spuren, sie ist schwer zu belegen, und sie wird im Sport häufig als Teil der Leistungskultur verstanden — von Betroffenen ebenso wie vom Umfeld. Hinzu kommt die Sorge, als überempfindlich zu gelten.

Für die Praxis folgt daraus zweierlei. Die Reaktion Betroffener ist kein Maßstab für die Einordnung — Mitlachen und Schweigen sind typische Anpassungsstrategien. Und es kommt nicht darauf an, ob ein Schaden nachweisbar ist; nach genügt die Eignung zur Beeinträchtigung.7

Rechtliche EinordnungGold

Was folgt daraus für die Rechtsanwendung?

🔒 Dieser Block ist ab Stufe Gold sichtbar.

Für die OrganisationSilber

Was bedeutet das für Verein und Verband?

🔒 Dieser Block ist ab Stufe Silber sichtbar.

Nachweise

  1. 1Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4.6.
  2. 2Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4.6.
  3. 3Zur Terminologie „psychische Gewalt“ in anderen Dokumenten des organisierten Sports Zukunftsplan Safe Sport (DOSB/dsj, 2023), Fn. 1.
  4. 4Ziffer 04 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025) — Umgang miteinander: erfasst sind auch Mutproben und Aufnahmerituale, die Personen entwürdigen oder bedrängen können.
  5. 5Ziffer 01 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025).
  6. 6Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4.6, der das soziale Wohlbefinden ausdrücklich einbezieht.
  7. 7Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 4.6: Es genügt, dass das Wohlbefinden beeinträchtigt werden kann; ein Schadensnachweis ist nicht erforderlich. Zur Beeinträchtigung in Form von Scham oder Angst die Erläuterungen zu Art. 4.6.

Rechtsstand

Muster-Safe Sport Code
Fassung 2025 · Stand 2025

Geprüft am 27.07.2026 · Volatilitätsklasse A · Version 5 · SSP-01-04 Rn. 1–16

Wissen prüfen

Wo ist Diskriminierung im System des Codes eingeordnet?

Eine Spielerin lacht über eine abwertende Bemerkung mit. Entlastet das?

Nennen Sie den entscheidenden Unterschied zwischen scharfer Kritik und Herabwürdigung.

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