Strategien übergriffiger Personen und begünstigende Strukturen
Lernziel: Typische Muster der Anbahnung und der Absicherung gegenüber dem Umfeld erkennen, begünstigende Strukturen im eigenen Verein benennen und daraus Schutzmaßnahmen ableiten können.
Warum spricht man von Strategien und nicht von Tätertypen?
Die Vorstellung, man könne übergriffige Personen an ihrem Erscheinungsbild, ihrer Biografie oder ihrem Auftreten erkennen, ist verbreitet und falsch. Sie ist außerdem gefährlich, weil sie den Blick auf die Falschen lenkt: Wer nach dem Sonderling sucht, übersieht die geschätzte Trainerin, den engagierten Betreuer, den verdienten Funktionär.
Deshalb arbeitet die Präventionsarbeit nicht mit Personenmerkmalen, sondern mit Verhaltensmustern. Das hat zwei Vorteile. Muster sind beobachtbar, während innere Eigenschaften es nicht sind. Und Muster lassen sich durch Regeln unterbrechen, während man Menschen nicht durch Regeln ändern kann.
Eine Einschränkung gehört dazu: Kein einzelnes Verhalten aus den folgenden Abschnitten begründet einen Verdacht. Ein Trainer, der eine Athletin nach Hause fährt, ist kein Täter. Aussagekräftig ist die Häufung und die Verbindung mehrerer Elemente über die Zeit.
Wie verläuft eine Anbahnung typischerweise?
Die Fachliteratur beschreibt einen Ablauf, der sich in aufgearbeiteten Fällen immer wieder findet. Er verläuft langsam, oft über Monate, und jeder einzelne Schritt bleibt für sich unauffällig.1
Die Wahl der Umgebung
Am Anfang steht die Wahl einer Institution, die Gelegenheit bietet und wenig kontrolliert. Vereine, die dringend Übungsleitende suchen, die keine Auswahlgespräche führen, kein Führungszeugnis verlangen und keine haben, sind erkennbar attraktiver als solche mit klaren Verfahren. Genau deshalb ist die Eignungsprüfung nach den () mehr als Verwaltung: Sie signalisiert nach außen, dass hier hingesehen wird.
Die Wahl der Person
Ausgewählt wird selten zufällig. Häufig trifft es Kinder und Jugendliche, die besondere Aufmerksamkeit brauchen: neu in der Gruppe, wenig Rückhalt zu Hause, unsicher, ehrgeizig, auf Anerkennung angewiesen. Wer Zuwendung besonders nötig hat, hinterfragt sie seltener.
Vertrauensaufbau
Es folgt eine Phase, die von außen wie besonderes Engagement aussieht: Extratraining, Zuwendung, Verständnis, kleine Geschenke, Fahrdienste, Unterstützung bei schulischen oder familiären Problemen. Die betroffene Person erlebt echte Anerkennung — das ist der Grund, warum spätere Grenzüberschreitungen so schwer einzuordnen sind. Die untersagen private Geschenke und unsachliche Bevorzugung nicht aus Kleinlichkeit, sondern weil sie genau hier ansetzen ().
Isolierung
Die Sonderstellung wird zur Abgrenzung: gemeinsame Geheimnisse, abwertende Bemerkungen über andere Betreuende oder über die Eltern, Einzelkontakte außerhalb der Gruppe. Ziel ist, die betroffene Person aus dem Kreis derjenigen zu lösen, denen sie sich anvertrauen könnte.
Testen von Grenzen
Vor dem eigentlichen Übergriff steht das Erproben: eine Umarmung, die zu lange dauert, eine anzügliche Bemerkung als Scherz, eine Berührung, die als versehentlich erscheint. Beobachtet wird die Reaktion — und ob jemand aus dem Umfeld eingreift. Bleibt beides aus, folgt der nächste Schritt.
Geheimhaltung und Aufrechterhaltung
Nach dem Übergriff wird das Schweigen abgesichert: durch Beschämung, durch Verantwortungsverlagerung, durch Hinweis auf die Folgen einer Offenbarung für die betroffene Person selbst, für die Mannschaft oder für die Familie. Häufig genügt der bloße Hinweis auf die gemeinsame Besonderheit der Beziehung.
Welche Strategien richten sich an das Umfeld?
Weniger bekannt, aber praktisch ebenso wichtig ist, dass sich Strategien nicht nur an Betroffene richten, sondern an alle anderen. Sie sollen verhindern, dass Beobachtungen zusammengeführt und ernst genommen werden.
Unverzichtbarkeit. Wer viele Aufgaben übernimmt, Fahrten organisiert, das Turnier ausrichtet und immer erreichbar ist, wird zur Person, ohne die es nicht geht. Ein Verdacht gegen sie bedroht den Betrieb — und wird entsprechend ungern verfolgt.
Nähe zu Entscheidungsträgern und Eltern. Enger Kontakt zu Vorstand und Elternschaft schafft Loyalitäten, die im Zweifel gegen die betroffene Person wirken.
Erfolge als Schutzschild. Sportlicher Erfolg erschwert Kritik erheblich; er verschiebt den Maßstab dessen, was als notwendige Härte gilt.
Vorwegnahme des Verdachts. Sätze wie „Man darf ja heute nichts mehr sagen“ oder „Bald darf man Kinder nicht mal mehr anfassen“ immunisieren im Voraus: Wer später etwas beobachtet, hat bereits gelernt, dass Bedenken als Überempfindlichkeit gelten.
Diskreditierung im Fall der Aufdeckung. Kommt es zur Offenbarung, folgt häufig der Angriff auf die Glaubwürdigkeit — die Person sei schwierig, gekränkt, sportlich enttäuscht, suche Aufmerksamkeit.2
Welche Strukturen begünstigen Übergriffe?
Übergriffe brauchen Gelegenheit, und Gelegenheiten entstehen in Strukturen. Fünf Merkmale sind aus Aufarbeitungsberichten bekannt.
Unbeobachtete Zweisamkeit ist die wichtigste Voraussetzung — Einzeltraining, Fahrten allein, Übernachtungen, Zugang zu Umkleiden, Einzelchats. Genau diese Situationen regeln die in den Ziffern 11, 13, 15, 16, 17 und 19; sie sind kein Misstrauenskatalog, sondern eine Gelegenheitsbeschränkung.3
Rollenkonzentration. Wer zugleich trainiert, nominiert, Fahrten organisiert und im Vorstand sitzt, ist praktisch unkontrollierbar.
Fehlende Meldewege. Wo keine benannt oder nur der unmittelbare Vorgesetzte zuständig ist, entstehen Beobachtungen, die nirgends ankommen.
Hoher Erfolgsdruck und geschlossene Systeme. Kaderstrukturen, Internate und Trainingsgruppen mit starker Bindung erschweren Widerspruch, weil der Preis des Ausstiegs hoch ist.
Personalnot und Fluktuation. Wer froh ist, überhaupt jemanden gefunden zu haben, prüft weniger genau — ein Zusammenhang, den Vereine ungern hören und der trotzdem gilt.
Was folgt daraus für die eigene Praxis?
Die wichtigste Schlussfolgerung ist eine Verschiebung der Aufgabe: Es geht nicht darum, gefährliche Personen zu erkennen, sondern darum, Gelegenheiten zu begrenzen und Muster wahrnehmbar zu machen. Das ist die eigentliche Funktion der — sie schützen Kinder und Jugendliche, und sie schützen zugleich alle, die korrekt arbeiten, vor unbegründetem Verdacht.
Für den Umgang mit Beobachtungen bedeutet das: Einzelne Wahrnehmungen nicht abtun, aber auch nicht überhöhen. Sie gehören zusammengeführt, und dafür braucht es eine Stelle, an der das geschieht. Genau deshalb ist die keine Formalie.
Und für die eigene Haltung: Wer bemerkt, dass er selbst zu einer Person besondere Nähe aufbaut, sollte dies nicht verbergen, sondern ansprechen. Die Transparenzregel () ist auch ein Angebot an einen selbst.4
Was folgt daraus für die Rechtsanwendung?
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Was bedeutet das für Verein und Verband?
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Nachweise
- 1Zum typischen Verlauf der Anbahnung Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj, 2025), Abschnitt zu Strategien und Risikokonstellationen. ↩
- 2Zur Diskreditierung Betroffener nach der Offenbarung Handreichung Betroffenenorientierte Untersuchungen (kuratierte Drittquelle, ASD Safe Sport Webinar), zu Umfeldreaktionen. ↩
- 3Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025): Ziffer 11 (Einzeltraining), Ziffer 13 (Dusch- und Umkleidesituationen), Ziffer 15 (Lehrgangsmaßnahmen, Freizeiten, Übernachtungen), Ziffer 16 (Mitnahme von Sportler*innen), Ziffer 17 (Autofahrten) und Ziffer 19 (Bildaufnahmen und Soziale Medien). ↩
- 4Ziffer 20 der Muster-Verhaltensregeln Safe Sport (Anhang zum Code, 2025) — Transparenz im Handeln. ↩
Rechtsstand
- Muster-Safe Sport Code
- Fassung 2025 · Stand 2025
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