Kapitel 9 · Niveau Basis · Bronze

Signale wahrnehmen und einordnen

Lernziel: Mögliche Anzeichen im Trainingsbetrieb wahrnehmen, sie von eigener Deutung trennen und wissen, was mit einer unklaren Wahrnehmung zu tun ist.

4 Min.

Was sind Signale — und was sind sie nicht?

Signale sind Beobachtungen, die Anlass zur Aufmerksamkeit geben. Sie sind kein Beweis und in aller Regel auch kein Beleg für einen bestimmten Vorfall. Wer sie als Beweis behandelt, kommt zu falschen Schlüssen; wer sie deshalb ignoriert, übersieht das Wenige, das vor einer Offenbarung überhaupt sichtbar wird.

Warum es keine Checkliste gibt

Verhaltensänderungen bei Kindern und Jugendlichen sind vieldeutig. Rückzug, Leistungsabfall, Gereiztheit oder körperliche Beschwerden können auf Gewalt hindeuten — ebenso gut auf Pubertät, Trennung der Eltern, Überforderung in der Schule oder schlicht auf einen schlechten Monat. Eine Liste, an der sich Betroffenheit ablesen ließe, gibt es nicht und kann es nicht geben.1

Daraus folgt nicht, dass Beobachtungen wertlos wären. Sie folgen nur einer anderen Logik: Aussagekräftig ist selten das einzelne Signal, sondern die Veränderung gegenüber dem bisherigen Verhalten und die Häufung über die Zeit.

Welche Beobachtungen kommen im Sport vor?

Bei Athletinnen und Athleten

Deutliche Veränderungen im Verhalten: Rückzug aus der Gruppe, plötzliches Fernbleiben, Vermeiden bestimmter Situationen wie Umkleide, Dusche oder Einzeltraining, auffällige Anhänglichkeit oder Distanz gegenüber einer bestimmten Person, Leistungseinbrüche ohne erkennbaren Grund, Veränderungen im Essverhalten.

Bei erwachsenen Beteiligten

Diese Gruppe wird häufig übersehen und ist oft aussagekräftiger, weil das Verhalten Erwachsener seltener mehrdeutig ist: auffällige Bevorzugung einzelner Athlet*innen, häufige Einzelkontakte ohne sportlichen Anlass, Geschenke, Fahrten allein, private Nachrichten, Widerstand gegen Regeln zu Nähe und Distanz, Abwertung von Kolleginnen oder Eltern gegenüber Jugendlichen.

In der Gruppe

Rituale, die entwürdigen; eine Kultur, in der en als Spaß gelten; auffälliges Schweigen, wenn eine bestimmte Person zur Sprache kommt.

Von außen

Hinweise von Eltern, von anderen Jugendlichen, von Kolleginnen. Solche Hinweise sind selten präzise und werden gerade deshalb oft als Gerede abgetan — was ein Fehler ist.

Wo endet Wahrnehmung, und wo beginnt Deutung?

Diese Trennung ist der wichtigste Punkt des ganzen Bausteins, weil an ihr die meisten Verfahren später hängen.

Wahrnehmung ist, was jemand gesehen oder gehört hat: „A. hat sich in den letzten vier Wochen dreimal vom Training abgemeldet und verlässt die Halle sofort nach dem Abschlussspiel.“ Deutung ist die Schlussfolgerung daraus: „A. hat offenbar Angst vor jemandem.“

Die Deutung ist nicht verboten — sie ist unvermeidlich und oft der Grund, warum jemand überhaupt aufmerksam wird. Sie gehört aber getrennt festgehalten und nicht als Beobachtung ausgegeben. Die Fachliteratur zur Dokumentation verlangt genau das: eine strikte Trennung zwischen dem, was berichtet oder beobachtet wurde, und der eigenen Bewertung, die in einem gesondert gekennzeichneten Abschnitt steht.

Zwei Fehler drohen an dieser Stelle. Wer nur deutet, produziert einen Verdacht ohne Substanz — das schadet der beschuldigten Person und der betroffenen gleichermaßen. Wer sich jede Deutung verbietet, meldet nie, weil Beobachtungen für sich genommen fast immer harmlos wirken.

Was tut man mit einer unklaren Wahrnehmung?

Die Antwort ist unspektakulär und wird trotzdem selten befolgt: aufschreiben und weitergeben.

Aufschreiben heißt, zeitnah und sachlich festzuhalten, was war — mit Datum, Uhrzeit, Ort, beteiligten Personen und dem, was gesagt oder getan wurde, möglichst im Wortlaut. Eigene Überlegungen kommen in einen eigenen Abschnitt.

Weitergeben heißt, die zu informieren. Das ist keine Anschuldigung; es sorgt dafür, dass einzelne Wahrnehmungen an einer Stelle zusammenlaufen. Verdichtet sich daraus ein konkreter Hinweis auf einen Code-Verstoß, leitet die Ansprechperson ihn allerdings unverzüglich an das Untersuchungsteam weiter () — dort beginnt dann das Untersuchungsverfahren. Genau darin liegt der Wert: Die meisten aufgearbeiteten Fälle bestehen nicht aus einer übersehenen Beobachtung, sondern aus mehreren, die niemand zusammengeführt hat.

Der Maßstab des Codes ist dabei niedriger, als viele annehmen: Das knüpft an Anhaltspunkte an, nicht an Gewissheit. Wer wartet, bis er sicher ist, meldet zu spät.2

Was heißt das im Trainingsalltag?

Drei Gewohnheiten reichen aus.

Veränderungen ernst nehmen. Nicht das Verhalten an sich ist das Signal, sondern die Abweichung vom Bisherigen. Wer seine Gruppe kennt, bemerkt das ohne besondere Anstrengung.

Sachlich notieren, wenn etwas auffällt. Ein Satz mit Datum genügt. Wer erst nach Wochen aufschreibt, erinnert sich falsch — und wer gar nicht aufschreibt, kann später nichts belegen.

Ansprechen, was ansprechbar ist. Bei Athletinnen und Athleten hilft eine offene, unverfängliche Frage weit mehr als Beobachtung aus der Distanz: „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit früher gehst. Alles in Ordnung?“ Das ist kein Verhör und keine Ermittlung — es ist die Gelegenheit, von der aus jemand erzählen kann, wenn er möchte.

Nachweise

  1. 1Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj, 2025), Abschnitt Anzeichen für erlebte sexualisierte Gewalt: „Es gibt daher keine eindeutigen und spezifischen Anzeichen bzw. Symptome, an denen Außenstehende sexualisierte Gewalt erkennen können.“ Die meisten Kinder und Jugendlichen offenbaren sich nicht direkt, sondern teilen sich auf subtileren Wegen mit.
  2. 2Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 6.1 Satz 1: „Bestehen Anhaltspunkte für interpersonale Gewalt, so ist deren Meldung geboten.“ Das Gebot knüpft an Anhaltspunkte an, nicht an Gewissheit; Satz 2: Unterbleibt die Meldung, liegt ein Verstoß gegen den Code vor.

Rechtsstand

Muster-Safe Sport Code
Fassung 2025 · Stand 2025

Geprüft am 29.07.2026 · Volatilitätsklasse C · Version 4 · SSP-09-01 Rn. 1–19

Wissen prüfen

Gibt es eine Liste von Anzeichen, an der sich Betroffenheit erkennen lässt?

Worin unterscheiden sich Wahrnehmung und Deutung?

Welcher Maßstab gilt für die Meldung?

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