Kapitel 4 · Niveau Basis · Bronze

Was ist Safe Sport? Begriff und Entwicklungslinien

Lernziel: Den Begriff Safe Sport einordnen, die Entwicklung vom Schutz vor sexualisierter Gewalt zum umfassenden Schutz vor interpersonaler Gewalt nachvollziehen und die tragenden Instrumente unterscheiden können.

4 Min.

Was bedeutet Safe Sport?

Safe Sport bezeichnet das Ziel, dass Sport ein Ort ist, an dem Menschen vor Gewalt geschützt sind — und zugleich das Bündel an Maßnahmen, mit dem der organisierte Sport dieses Ziel verfolgt: Prävention, Intervention, Sanktion und Aufarbeitung.

Der Begriff ist jünger als die Sache. In Deutschland hat er sich über ein Forschungsprojekt verbreitet, das Erfahrungen von Kaderathletinnen und -athleten mit sexualisierter Gewalt untersuchte; von dort wanderte er in die Handlungsleitfäden und schließlich in die Regelwerke. Heute ist er der Sammelbegriff für das gesamte Feld.1

Was er umfasst

Drei Bestandteile machen Safe Sport aus. Schutz vor Gewalt in allen vom Regelwerk erfassten Formen. Alle Sportbeteiligten — nicht nur Kinder und Jugendliche, wie es die frühere Präventionsarbeit nahelegte, sondern auch erwachsene Athletinnen und Athleten, Trainerinnen, Schiedsrichter und Ehrenamtliche. Und die gesamte Kette von der Vorbeugung bis zur Aufarbeitung, nicht nur die Reaktion im Einzelfall.2

Wie hat sich das Feld entwickelt?

Die Entwicklung lässt sich in drei Schritten beschreiben, die jeweils eine Erweiterung bedeuten.

Erste Stufe: sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

Der Ausgangspunkt lag im Kinderschutz. Bekannt gewordene Fälle in Sportvereinen und die allgemeine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit sexualisiertem Missbrauch führten dazu, dass der organisierte Sport Präventionsstrukturen aufbaute: en, Ehrenkodizes, erweiterte Führungszeugnisse. Das dsj-Stufenmodell fasste diese Maßnahmen 2018 zu einem Standard zusammen; 2020 übernahm der DOSB es in erweiterter Form.3

Zweite Stufe: alle Formen interpersonaler Gewalt

Es zeigte sich, dass die Beschränkung auf zu kurz greift. Herabwürdigung, körperliche Strafen, und Diskriminierung sind im Sport verbreitet und wurden von keinem Regelwerk erfasst. Der Zukunftsplan Safe Sport von 2023 und der Safe Sport Code weiteten den Blick auf die interpersonale Gewalt in ihren vier Formen.4

Dritte Stufe: von der Prävention zum Regelwerk

Die dritte Erweiterung betrifft nicht den Gegenstand, sondern das Instrument. Prävention allein reicht nicht, wenn Verstöße nicht untersucht und sanktioniert werden können — und genau daran fehlte es unterhalb der Strafbarkeitsschwelle. Der Safe Sport Code schuf die Regelgrundlage, das Zentrum für Safe Sport die Institution dafür.5

Welche Instrumente gibt es, und wie greifen sie ineinander?

Vier Instrumente prägen das Feld, und sie leisten Verschiedenes.

Das Stufenmodell beschreibt Mindeststandards der Prävention mit Fristen und knüpft die Weiterleitung von Fördermitteln daran. Der Zukunftsplan Safe Sport formuliert Ziele und Handlungsfelder darüber hinaus. Der Safe Sport Code ist das Regelwerk: Er definiert, was verboten ist, und ermöglicht Untersuchung und Sanktion. Das Zentrum für Safe Sport ist die Institution, die Verfahren unabhängig führen kann.6

Der Zusammenhang lässt sich in einem Satz fassen: Das Stufenmodell verhindert, der Zukunftsplan entwickelt weiter, der Code ahndet, das Zentrum verfahrensmäßig unabhängig.

Daneben besteht ein zweites System, das oft übersehen wird: der staatliche Kinder- und Jugendschutz mit Schutzauftrag, erweitertem Führungszeugnis und Jugendämtern. Beide Systeme laufen nebeneinander und berühren sich an vielen Stellen.7

Wo endet Safe Sport — und was ist es nicht?

Drei Abgrenzungen helfen, den Begriff brauchbar zu halten.

Safe Sport ist kein Kinderschutzprogramm. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist der historische Ausgangspunkt und bleibt zentral, aber der Code schützt alle Sportbeteiligten. Wer Safe Sport auf die Jugendabteilung beschränkt, übersieht die Konstellationen im Erwachsenen- und Leistungssport.

Safe Sport ist keine Sicherheitsfrage im technischen Sinn. Es geht nicht um Sturzmatten, Hallenordnung oder Verkehrssicherungspflichten, sondern um Gewalt zwischen Menschen. Überschneidungen gibt es bei der , wo unzureichende Sicherung eine Rolle spielt — der Maßstab bleibt aber das Verhältnis zwischen Personen.

Safe Sport ist kein Projekt mit Enddatum. Ein Verband, der alle Stufen erfüllt und einen Code beschlossen hat, ist nicht fertig. Risikoanalysen veralten, Personen wechseln, Regelwerke werden fortgeschrieben. Die Aufgabe ist auf Dauer angelegt.

Was heißt das für die eigene Arbeit?

Für die tägliche Arbeit lässt sich Safe Sport auf drei Fragen verdichten, die unabhängig von Rolle und Ebene taugen.

Weiß ich, was gilt? Der eigene Verband hat — oder hat noch nicht — einen Safe Sport Code mit . Beides zu kennen, ist die Grundlage von allem Weiteren.

Weiß ich, an wen ich mich wende? Die im Verein und im Verband, die externen Beratungsstellen. Wer das erst im Ernstfall herausfindet, verliert Zeit, auf die es ankommt.

Weiß ich, was ich nicht tun soll? Keine eigenen Ermittlungen, keine Konfrontation, keine Zusage absoluter Verschwiegenheit. Diese drei Punkte verhindern die häufigsten Fehler.

Nachweise

  1. 1Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj, 2025): Das Forschungsprojekt „Safe Sport“ (2014–2017) erhob Erfahrungen von Kaderathlet*innen in Deutschland und gab Einblicke in Ausmaß und Formen der Gewalt im Sport.
  2. 2Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025), Art. 1.1 mit Erläuterungen: Der Geltungsbereich erfasst einen weiten Personenkreis; die Erläuterungen bezeichnen den Adressatenkreis als „denkbar weit“. Näher SSP-08-13.
  3. 3Zukunftsplan Safe Sport (DOSB/dsj, 2023): „Mit der Einführung eines dsj-Stufenmodells im Jahr 2018 und dem Beschluss des DOSB-Stufenmodells durch die Mitgliederversammlung des DOSB 2020 wurden wichtige Grundlagen verbindlich festgelegt.“
  4. 4DOSB, Stufenmodell (2020) — Mindeststandards mit Fristen; Zukunftsplan Safe Sport (DOSB/dsj, 2023) — Ziele und acht Handlungsfelder (Themenfeldentwicklung, Struktur, rechtliche Rahmenbedingungen, Qualifizierung, Beratung, Netzwerk, Wissensmanagement, Evaluation und Monitoring), bezogen auf den Vierklang aus Analyse, Prävention, Intervention und Aufarbeitung.
  5. 5Muster-Safe Sport Code (DOSB, 2025); Satzung des Zentrums für Safe Sport e. V. (2026), § 2; zur Entstehung SSP-04-03.
  6. 6DOSB, Stufenmodell (2020) — Mindeststandards mit Fristen; Zukunftsplan Safe Sport (DOSB/dsj, 2023) — Ziele und acht Handlungsfelder (Themenfeldentwicklung, Struktur, rechtliche Rahmenbedingungen, Qualifizierung, Beratung, Netzwerk, Wissensmanagement, Evaluation und Monitoring), bezogen auf den Vierklang aus Analyse, Prävention, Intervention und Aufarbeitung.
  7. 7§ 72a und § 8a SGB VIII; näher Kapitel 3 dieser Bibliothek.

Rechtsstand

Zukunftsplan Safe Sport
Fassung 2023 · Stand 2023
Handlungsleitfaden Safe Sport (DOSB/dsj)
Fassung 2025 · Stand 2025
DOSB-Stufenmodell
Fassung 2020 · Stand 2020
Nolte, Machbarkeitsstudie

Geprüft am 29.07.2026 · Volatilitätsklasse B · Version 2 · SSP-04-01 Rn. 1–19

Wissen prüfen

Schützt Safe Sport nur Kinder und Jugendliche?

Worin bestand die entscheidende Erweiterung durch den Safe Sport Code?

Wie unterscheiden sich Stufenmodell und Code in ihrer Funktion?

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